Sonntag, 14. April 2013

Guide: Welcher Wargamer bist Du ? ------ Teil 4

Der Napoleoniker


Eine ganz spezielle Gruppe von Hobbyisten stellen Napoleoniker dar.

Mit diesem Begriff bezeichnet man wargamer, die ihre kostbare Freizeit dafür opfern, kleine Männer minutiös so zu bemalen, dass sie Soldaten darstellen, die sich zum gegenseitig totschiessen in die lächerlichste Kostümierung der Menschheitsgeschichte geworfen haben. Wenn man einen fernen Hauch dieser grotesken Aufmachung spüren möchte, dann schaltet man im Februar den Fernseher ein, wo man die "Prinzengarde" über die Bühne hampeln sieht.
Mitgehangen-mitgefangen sind jene, die Themen wie SYW - Seven-Years-War oder so beackern (in wargamerkreisen wird grundsätzlich alles abgekürzt und anglisiert, selbst so urdeutsche Geschichtsereignisse wie der 30jährige Krieg --> Thirty-Years-War--> TYW) , weil das zwar vor Napoleon war, die Typen aber genauso putzig gewandet, überdies auch noch geschminkt waren und Perücken trugen. Ansonsten haben die sich auch nebeneinander gestellt, um sich aus nächster Nähe mit Knallbüchsen zu massakrieren.
Generalamnestie erhalten jedoch ausdrücklich jene, die den FIW - French&Indian-War nachspielen. Das ist wie SYW, nur eben mit Indianern und Lederstrumpf, also wiederum cool.

Ich komm´ vom Thema ab:
"Was sind bitte schön Napoleoniker ?", werd´ ich bisweilen gefragt, wenn die Sprache auf mein Hobby kommt und ich beantworte das immer so: Wie Mr. Spock, nur ohne spitze Ohren. Häh ? Ja genau; Mr. Spock lacht nicht und guckt immer in seinen Tricorder, um dann Sätze zu sagen wie "Die Instrumente zeigen keine Lebensformen auf dem Planeten an".
Weil der Napoleoniker aber keinen Tricorder hat, muss er in einem Osprey-Heft über das 67.Braunschweig´sche-notdürftige-Freiwilligenregiment von 1812 blättern und Sachen sagen wie "Die Litzen sind aber falsch gemalt; die Waffenfarbe der Latrinenwächter war doch zitronengelb, oder ?"

In der Community wird manchmal ein bißchen über sie gewitzelt. Napoleoniker sind nämlich wie das Spitzohr humorfrei (na gut, vielleicht wenn sie ganz unter sich sind, gehen sie mal in den Keller, um dort ganz verschämt zu schmunzeln). Wer wäre das nicht, wachte er nachts immer wieder schweißgebadet auf, weil er von polnischen Gardefüsilierstrelitzen geträumt hat, die rote Hosen trugen. ROTE ! Dabei weiß jeder Nappi, dass die lindgrün waren (bis 4.März 1814, danach warn´se mintgrün). Man kann die Jungs wirklich prima hochnehmen mit ihrer Pingeligkeit: "Die Figuren-Range kannst du aber nicht für das Hirnsteiner Massaker von 1814 nehmen, weil die Bumsberger Landwehr zu der Zeit schon mit der Protzenbüchse ausgerüstet war und nicht mehr mit der Zwurbelflinte.".
Ein endloser Spaß !

Andererseits sollte man sie für die Hingabe, Geduld und Akribie, die sie beim Malen und Recherchieren des ganzen Uniformenkrempels aufbringen, der mir auf ewig verschlossen bleiben wird, wirklich bewundern.


Hier noch ein paar lustige Sachen, die man mit Napoleonikern machen kann:

- Bei einem Nappi-Treffen ganz nebenbei die Bemerkung fallen lassen, dass
  Blücher in Wahrheit ein unehelicher Sohn von Maria Theresia war.
  In dem ausbrechenden Chaos heimlich Kekse und Chips der Nappis aufessen.
- Den Franzosenspieler auf eine Tasse Borschtsch einladen; reagiert er ablehnend, bietet man ihm
  belgische Schokolade an und bewundert dann die dicken Halsschlagadern.
- Zum Waterloo-Multiplayer in ABBA-Kostümierung erscheinen.


 

1 Kommentar:

  1. Leider erst heute gelesen – ganz große Prosa! Solche Texte könnte ich mir sehr gut für eine Lesung in einem der stillen Nebenzimmer der Tactica vorstellen, natürlich in Loriotscher Manier mit künstlerischem Ernst und knarzender Lederjacke vorgetragen.

    Ich hab jedenfalls Tränen gelacht, was nach einem verkorksten Tag die Stimmung nachhaltig aufhellt. Bitte mehr davon!

    Cheers, SG/Tilman
    www.mountainsoflead.com

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