Freitag, 13. Dezember 2013

Der Herr der Ringe Online oder Für ein würdevolles Sterben

Hätte man gleich auf mich gehört, wäre das alles nicht passiert. Im Allgemeinen - und ganz besonders im Speziellen - tut das aber niemand und nun haben wir den Salat.
Als alter HerrderRingeOnline-Spieler der nicht ganz ersten, aber zumindest anderthalbsten Stunde halte ich es für meine Pflicht, die deutsche Öffentlichkeit von diesem Vorfall in Kenntnis zu setzen:
Anläßlich der Veröffentlichung der 5.Erweiterung Helms Klamm für das MMORPG Der Herr der Ringe Online fuhren die Entwickler das Spiel am 20.November 2013 voll gegen die Wand. Seitdem befindet sich der Paptient in einem apallischen Zustand, aus dem ihn wohl nur noch ein Wunder wird erretten können.
Es gibt aber keine Wunder.
Nicht mal in JRRs Büchern - Gott hab ihn selig.
Werfen wir einen Blick zurück auf ein bewegtes digitales Leben. Ein Leben, dass vielen Menschen (mir zum Beispiel) bisweilen viel Freude bereitet hat. Wer, wie ich im Januar 2008, vor nunmehr also fast sechs Jahren, nach verstörenden Erfahrungen in WoW (Nein, nicht die World-of-Wuttke, sondern die andere...) in Mittelerde landete, stellte ich mit kindlichen Staunen fest, dass man sich auch in einem online-Spiel niveauvoll unterhalten kann.
Und unterhalten konnte man sich zudem auch noch.
Mit den Mitspielern.
Die waren - im Gegensatz zu denen beim Dreibuchstabenspiel - offensichtlich nicht bildungsfern und kannten Umgangsformen und hielten sich an gewisse Etikette. Anders formuliert: Es waren keine illiteraten Troglodyten, die mit virtuellen Riesenpimmeln in einem unverständlichen deutsch-englisch Kauderwelsch die channel vollspamten und sich aufführten wie besoffene Hunnen im Mädchenpensionat. Sorry, sehr wahrscheinlich gibt es (und gab es !) auf den deutschen Servern des Dreibuchstabenspiels auch zivilisierte Mitteleuropäer, sie waren seinerzeit aber offenbar gerade alle im Urlaub oder ich habe sie nur in Ausnahmefällen kennengelernt. Genaugenommen kannte ich dort nur drei. Punktum.
In Mittelerde gab es tolle Dinge zu sehen und manch unterhaltsame Aufgabe zu lösen, die auch mal anders aussah als die üblichen "Töte 20 Orks" oder "Bring mir 12 Wildschweinfelle"-Aufgaben, die man aus MMORPGs so kennt. Und immer gab es dieses Dejavu, wenn man irgendwo Spuren der Gemeinschaft sah oder Orte besuchte, die aus den Büchern (oder Filmen) bekannt waren. Hat Spaß gemacht.
Die vor fünf Jahre veröffentlichte Erweiterung Die Minen von Moria war dann in jeder Hinsicht ein Hammer.
HdRO hatte den Gipfel erreicht und die berechtigte Frage lautete schon damals, "Was soll jetzt noch kommen ?".
Von da an ging es bergab...
Langsam zunächst, aber man merkte deutlich, irgendetwa stimmte nicht mehr. Die Düsterwald-Erweiterung war schön, zweifelsohne, aber sie lag irgendwie...naja abseits des Weges. Zudem war auf Stufe 65 deutlich zu spüren, dass das Spiel von der Konzeption an Grenzen stiess. Fertigkeiten, Buch-der-Taten und speziell das Handwerk waren eben nur für 50, na vielleicht 60 level ausgelegt. Wenn ich durchschnittlich alle 10 level eine neue Handwerksstufe erreiche und die fünfte und höchste der "Meister" ist, was kommt denn danach ?
Für Moria hatte man sich noch mit dem "überragenden Meister" beholfen, aber dann..."Ausnahmemeister" oder "Superduperoberhandwerker" hätte man auch noch machen können...
Egal spätestens seit Düsterwald ist Handwerk ein nettes Gimmick im Spiel, aktuell ist es zum in-die-Tonne-treten, ein reines time-sink.
Was die Entwickler sich bei der Dunland-Erweiterung gedacht haben, weiss nur der Geier. Gut, dank Questhelper musste man ja schon vorher nicht mehr den Aufgabentext lesen, sondern konnte sich das in Frage kommende Gebiet auf der Map farblich hervorheben lassen oder für die ganz Eiligen: der zu besiegende Mob wurde mit einem Ringsymbol  punktgenau angezeigt. Geil. Nun jedoch wurde man praktisch mit den Aufgaben durch die Erweiterung geführt. Nix mehr mit Suchen oder Umherstreifen, dem Erkunden des Gebietes und der freudigen Überraschung, wenn man denn noch einen Questgeber gefunden hatte...Ach ja *seufz*. Spieler nennen das gerne questflow. Der Anglizismus hilft dabei (wie so häufig auch im wahren Leben) die Belanglosigkeit der Angelegenheit zu verschleiern, macht uns aber andererseits auch dezent darauf aufmerksam, dass das Spiel von Amerikanern für Amerikaner entwickelt wurde. Offensichtlich hat mans dort drüben nicht gerne schwer...
Ja so liesse sich noch manch andere Belang- und Hirnlosigkeit aufzählen, die sich in den letzten zwei, drei Jahren eingeschlichen hat...Nein ! Streichen wir eingeschlichen und nennen das Kind beim Namen: Absichtlich und bewußt implementiert wurde!. Da wären langweilige Instanzen, die so klein sind, dass man sie in 20 Minuten durch hat (und ja: selbst die alten, schönen und großen, aber für einige wohl zu anstrengenden Instanzen wie Großes Hügelgrab oder Fornost wurden in mundgerechte Häppchen zerteilt und herunterkastriert). Fehlender Gruppencontent (Mann jetzt fang ich auch schon mit diesem gamerdeutsch an !) in den Levelgebieten, ein auf den ersten Blick bequemes Lootsystem (welches aber beim genaueren Hinsehen, die sozial nicht ganz so ausgewogene Spielweise belohnt) undundund...
Seit dem 20. November ist der Anspruch an das Gameplay jedoch auf Browsergame-Niveau angelegt. Ich behaupte, das kann jetzt auch mein Papagei (ach nee, der kann die Maus mit seinen Krallen ja nicht...) !
Wolle habe Beispiel ? Hier bitte schön:
Eines der gelungensten features in HdRO waren immer die Emotes. Das sind kleine Kapriolen, die der Avatar vollführt, wenn man ein entsprechendes Menue aufruft, in der die ca. 60-70 Emotes abgelegt sind und draufdrückt. Mein Lieblingsemote ist immer noch "ungeduldig". Wenn mans macht, dann verschränkt der Avatar die Arme vor der Brust, tappt ein paar Mal mit dem Fuß, um dann plötzlich mit hängenden Armen und nach hinten gelegten Kopf seufzend in die Knie zu sacken. Ich werf mich jedes Mal weg !
Ich komm vom Thema ab...
Also nehmen wir an, die Aufgabe lautet "Geh da und da hin und halte Ausschau nach x...". Also hinlaufen und wenn man an der richtigen Stelle steht, kommt der Hinweis "Hier wäre eine gute Stelle zum Ausschau halten." So weit, so gut. Man guckt im Menue nach einem passenden Emote und findet dann auch "Schauen". Schwuppdiwupp fertig. Zugegeben, is´n bißchen komplex so scheint´s, also wurde irgendwann bei Erreichen besagten Punktes neben dem Hinweis noch die Anweisung "Du mußt schauen (Schauen in ROT !!!)" zusätzlich eingeblendet. Verständlich, denn wenn man da so steht, weiss man ja auch gar nicht, ob man dann nicht doch besser furzen oder tanzen nimmt. Boooah ey, schwer !
Neuerdings - weils doch etwas stressig ist, gibt es im Aufgabennavigator einen Knopf auf den man draufdrücken kann und dann wird der Emote ausgeführt. Toll...
Und so zieht es sich durchs ganze AddOn: Mobs, die nach dem dritten Schlag umfallen, weil der Damageoutput bizarr ist, Hin- und Herlaufaufgaben der einfachsten Art für die es einen Punktesegen gibt, dass der Warg heult, den Ruf bei den beiden Fraktionen hat man bei Höchstlevel eigentlich voll, Celebrimborsymbole für die 2.ZA-Waffen gegen Münzen, ja eigentlich alles, wofür man früher spielen mußte gibt es umsonst hinterhergeworfen. Und eh ich´s vergesse: Eine unangenehme Anzahl von "Die-Orks-kommen-wir-müssen-weg-aber-vorher-waschen-wir-nochmal-die-Tischdecke"-Aufgaben. HÄÄÄH ???? Ich hatte das alles irgendwie anders in Erinnerung...
Meine Frau bezeichnete das Spielerlebnis recht treffend als abarbeiten.
Die Kuppe ist aber die sogenannte epische Schlacht in Helms Klamm, nichts anderes als ein aufgebohrtes Scharmützel, mit wieder einem eigenen Belohnungs- und Beförderungssystem, indem ich genau die Kampffertigkeiten, die ich eigentlich skille, gar nicht brauche, weil ich nur Befehle erteile oder Leitern umkippe. Was soll der Scheiss ???

In dem Zustand macht mir HdRO keinen Spaß mehr und ich versteige mich in die Behauptung, dass es vielen Spielern so geht. Andersherum kommen neue Spieler, denen es genauso gefällt wie es jetzt läuft, sodaß lediglich ein Austausch erfolgt. Und solange der Rubel rollt...

Was mich betrifft eine Bitte an Turbine: Bevor ihr das literarische Lebenswerk eines Menschen, die Welt und die Figuren, die er erschaffen hat, in Grund und Boden programmiert und aus einem einstmals schönen Spiel ein monosynaptisches und strickliesldummes Happening macht, tut allen Herr der Ringe-Freunden einen Gefallen und schaltet ab.

Frodo, Gandalf, Legolas und alle anderen haben einen würdigen Tod verdient.


1 Kommentar:

  1. Ich selbst habe nie ein derartiges Spiel gespielt, aber was du da beschreibst klingt furchtbar. Als großer Tolkienfan tut einem so etwas schon fast physisch weh.

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