Samstag, 29. März 2014

Guide: Welcher Wargamer bist Du ? ------ Teil 9: Kaninchenhaare als Antennen

 Der Modellbauer


Früher traf man sie im wirklichen Leben praktisch nie an, weil sie ihre Wohnung praktisch nie verliessen. Erwachsene Männer teils fortgeschrittenen Alters saßen im Keller vor einer 2x3 m großen Platte, auf der eine kleine Lok unermüdlich ihre Runden zog und fönten das Gras. Dazu hatten sie Muttis Haartrockner so modifiziert, dass der Luftstrahl eine Temperatur von exakt 34,5° aufwies. Das war wichtig, weil bei kälter nicht der gewünschte Effekt eingetreten wäre und bei heisser die ganze Scheisse Feuer gefangen hätte.
Im Frühjahr kamen sie aber manchmal doch raus und steuerten, unter vielen "Ahs" und "Ohs" der zahlreichen (sic! 1970 gab es noch kein Internet ) Umstehenden kleine und große Schiffe per Funk durchs Becken an der Kongresshalle.
Hatten die erwachsenen Männer einen Sohn, so saß der in der Schule meistens neben mir und erzählte von seinen Airfix und Revell Schlachtschiffen und Panzern. Das erweckte stets Neid in mir, hatte ich doch a) keine solche und b) hätte ich sie gehabt, wären sie kaum je ansehnlich gewesen. Leider hatte mich Mutter Natur mit zwei linken Händen ausgestattet, sodaß meinen haptischen Fähigkeiten deutliche Grenzen auferlegt waren. Zum Leidwesen meines Vaters. Der war Handwerkerker und holte schon das Pflaster aus dem Schrank, wenn ich mich einem Schraubendreher auch nur auf zwei Meter näherte. Was soll´s, ich bin Beamter geworden und da muß ich nicht...
Ich komm´ schon wieder vom Thema ab.

Um hier nicht missverstanden zu werden: ich liebe Modellbau und könnte mich an den Kunstwerken stundenlang mit wachsender Begeisterung satt sehen. Wo man ganz früher immer bis Weihnachten warten mußte, wenn in den Kaufhäusern die Eisenbahnplatten aufgebaut wurden oder auf den Besuch im Museum, wo hinter Glas in kleinen Schaukästen haarige Urmenschen Manni das Mammut mit kleinen Holzspeeren pieksten oder Sklaven des Pharaos Residenz für Hinterher erbauten, kann man heute im Netz sörfen und den ganzen Tag lang die kleinen Wunder bestaunen.
I love it.
Allerdings love ich it not, wenn mir ein Bastelmeister am Spieltisch gegenüber steht oder - Himmel hilf ! - ich szenario- oder anlaßbedingt mit ihm zusammenspielen muß. Es ist nun mal unvermeidbar, dass am Tisch Interessenskonflikte bestehen. Der eine will mehr spielen, der andere will mehr basteln. Anfassen versus Gucken. Schon gibts Ärger:

 "So jetze werd´ ick dem mal orndlich ein mit der Pak drüberziehen, harhar !" spricht der Opa und greift nach der nämlichen, die mein Mitspieler in zwanzigstündiger Puzzlearbeit zusammengepfriemelt hatte. Ansehnlich ! Wie vom großen Meister an Strippen gezogen, beginnt mein Co plötzlich zu zappeln, stöhnen und ächzen und zuckt, als hätte ihm einer das abgeschnittene Ende eines Stromkabels in der Hintern geschoben: "Uh...Oh...Ah. Paß bitte auf ! Das Rohr ist sehr zerbrechlich, ich habe doch die Polygonzüge hineingeätzt." Polywas ? Zugegeben: Mir ist durchaus bekannt, dass, wenn ich Hier am Hahn ziehe, Dahinten etwas umfällt, die für mich eher mystischen Abläufe der Innenballistik sind mir jedoch schnuppe. Meinem Co scheinbar nicht, sonst hätte er sich nicht der Qual unterzogen das Rohr der Kanone auszuhöhlen und Rillen reinzukratzen. Um´s klarer zu machen: Wir sprechen hier von einem Modell im Maßstab 1:87. Sowas macht man, wenn man entweder lebenslänglich bekommen hat und eh nicht weiß, was man tun soll oder nachts feuchte Träume von Kanonen hat: "Joooaaaah, was für ein geiles Rohr !!!".
Okay, ich bin vorsichtig und richte das Geschütz verbal aus, damit ich´s nicht angrabschen muß. Nehme ja Rücksicht. Manchmal.
Keine drei Minuten später will ich meinen eigenen Schützentrupp ziehen - fünf grell bemalte derbe Metallbatzen - komme dabei seinem Panzer auch nur nahe und schon beginnt mein Co im Strahl zu schwitzen. Ja leck mich, denke ich und beginne, mir einen Spaß draus zu machen. Immer wenn ich dranne bin, greife ich mich übertrieben ungelenker Geste über den Tisch und werde mit einem mimischen Feuerwerk der Extraklasse belohnt. Von Pfannkuchenaugen bis Scheunentormund ist alles dabei. Dabei wird ein Veitstanz aufgeführt, dass der Inquisitor strahlt. Das Spiel ist mir jetzt völlig schnuppe und ich will nur noch den großen Zappelphillip sehen. Am Ende habe ich zwei Stunden Spaß gehabt, mein Co ist drei Kilo leichter. Mit einem naßforschen "Allet Knorke, alte Borke ! Bis nächste Woche!" verlasse ich die Stätte und sehe im Umdrehen meinen Co beruhigend auf seine Panzerchen einreden: "Keine Angst, der böse Onkel ist weg. Wir gehen jetzt heim und ihr kommt wieder in eure beheizte Vitrine, meine Kleinen. Ich mach uns einen schönen Tee und ihr bekommt neue Antennen."

"Boah Opa, heute übertreibst Du ja wieder maßlos !"
Tue ich das wirklich ? Wahrscheinlich nicht.

Tatsache ist nämlich, dass heutzutage, anders als zu meinen Kinderzeiten, niemand mehr Kinder als Vorwand fürs sinnfreie Pfriemeln - "Is für mein Sohn !" - haben muß. Das Internet tut das Übrige dazu. Also muß man auch nicht mehr durch Keller und Hinterzimmer dackeln, um die Jungs live zu erleben. Hier. Der Typ an der Kasse, der seine Walnüsse mit einen Medium flesh-yellow ochre - Mix drybrushed, "damit sie wie echt aussehen" oder da, der Irre mit dem Kopf im Gulli, der wissen muß, wie´n Gullideckel von unten aussieht, "is fürn Dio, weeßte ?!". Modellbauer.
Schalte mal den Prekarierfunk ein, da sitzt eine ganze Generation und versucht bei DSDS oder dem ganzen Quatsch sich aus den Resten anderer so eine Art eigens Leben zusammenzubauen. Scratchbuilding auf real-life Niveau. Modellbauer, alles Modellbauer. Die Kühnsten und Vorausschauendsten unter den den Hobbyisten bauen sich zu Lebzeiten schon das eigene Erdmöbel im Keller, womit sich der Kreis zum Museumsbesuch wieder schließt.

Okay, ich merk schon, ist Euch zu abgehoben.
Kein Problem, bin eh gerade fertig geworden. Aber wer bis hierher durchgehalten hat, wird noch mit einem Klassewitz belohnt:

Was macht ein Modellbauer im Knast ?
Hat Scheisse gebaut !

HaHaHaHaHaHaHa...........................................................................................................................



Kommentare:

  1. Ach Opa, übertreibst du nicht ein wenig? Gehört der Modellbau nicht auch zum Wargaming? ich meine, okay - zum Spielen würde ich mir vermutlich NIE Fotoätzteile besorgen, aber Figuren umbauen oder Panzer modifizieren mache ja auch ich. Von daher finde ich, dass das schon ne Sache ist, die gerne betrieben werden kann und die jedem Spiel (auch in 1/87, 1/72 oder sonst was) eine eigene Note gibt. Gut, wenn ich jetzt an meiner Bundeswehr arbeite, an den Israelis oder den SciFi-Jungs, dann baue ich nicht so viel um, aber wenn ich daran denke, dass ich für einen gallianischen Scout heute 6 Stunden gebastelt habe, damit dieser aussieht wie ein gallianischer Scout und nicht einfach wie ein deutscher Fallschirmjäger mit Plattenpanzerung, dann weiß man auch, was man getan hat, ist stolz darauf und ärgert sich entsprechend, wenn an den Fahrzeugen oder Figuren was in die Brüche geht.
    Aber Wargaming ist nun einmal auch Gaming, da muss man schon orgendwo den entsprechenden Strich unter die Mühe der eigenen Arbeit setzen und die Figuren für das nutzen, für das man sie gebaut hat: Kriiiiiieeeeg führen!

    Den Witz habe ich nicht verstanden ...


    Yours,

    Stargazer

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    1. Cum grano salis...Ich dachte, dass wäre klar ?!

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  2. Das ist mir schon klar, aber wie du schriebst, ein Körnchen Wahrheit ist schon drin, und daher wollte ich einfach meine Meinung zu diesem Thema kundtun^^

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  3. Verdammt, da hat der Opa mich eiskalt erwischt! Ich war bestimmt der Typ mit den Bausätzen, der in der Schule neben ihm gesessen hat, weil bei uns schon in frühester Kindheit die Modellbahn (NICHT SPIELZEUGEISENBAHN!!!) ihre Runden gedreht hat und mir entsprechende Föntechniken durchaus geläufig sind. Zugegebenermaßen zollt das Dasein als offiziell als Erwachsener zu bezeichnender Kindskopf den Tribut Zugeständnisse an die familiären Platzverhältnisse zu machen. Mit anderen Worten: Das modellbauerische Austoben an Spielfiguren und dazugehörigem Gelände substituiert lediglich das Nichtvorhandensein der besagten Modelleisenbahn, deren Rollmaterial und Zubehör gehortet und in Schachteln gestapelt seit dem Ende der Kindheit darauf wartet wieder das Licht der Welt zu erblicken.
    Nichtsdestotrotz ist es meinen Gegnern am Spieltisch stets gestattet meine Schöpfungen auch haptisch erfassen zu dürfen ohne dass ich zum hyperventilierenden und grimassenschneidenden Zappelphillipp werde.

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    1. Ach Du warst das ?! Ich krieg noch 12 Fußball-WM´74- Sammelbilder von Dir ...
      Ja, unsere alte Eisenbahn liegt auch gut verpackt auf dem Speicher. Alle Jubeljahre packe ich sie aus. Aber zwischenzeitlich habe ich in der Richtung auch nachgelegt, demnächst im Blog. Von wegen Substitution undso... ;-)

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  4. PS:
    Auch wenn es sich nicht um Kaninchenhaare handelt, ist mir des Opas Botschaft klar:
    Tatsächlich habe ich schon mal ein weibliches Menschenhaar als Funkantenne an einer alten Tante Ju in 1/72 verbaut und ein Schnurrhaar unseres Katers als Stabantenne für einen Panzerturm vorgesehen...

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    1. Da ! Hier ! Stargazer, guck ! Ich übertreib´ja gar nicht, ist alles wahr !!!

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