Dienstag, 30. August 2016

Opa muss reisen...nach Namibia (7) mit Update vom 01.09.16

Auf nach Swakopmund !


Über Omaruru fuhren wir nach Karibib und dort auf die B2, auch bekannt unter dem Namen Transkalahari Highway. Die Fahrt ging entspannt vonstatten, unterbrochen nur von einer Tank- und Luftdruckpause. Letztere deshalb, weil wir bei der Abfahrt in Erindi feststellen mußten, dass der 4x4 nur noch jeweils 0,5 bar drauf hatte. Nach einer kurzen Schrecksekunde fiel uns dann ein, "Ach ja, man soll da öfter den Reifendruck 
prüfen !". Hatten wir natürlich seit Fahrzeugabholung am Flughafen nicht gemacht. Und tatsächlich: Es gibt Tage, an denen der Reifendruck nach 300km bis zu einem Viertel runter ist. Normal.
Kurz vor Karibib sahen wir aus der Ferne die Spitzkoppe.
Auf dem Highway wird gelasert, was das Zeug hält. Wir haben innerhalb von 25 km zwei Laser gesichtet. Nicht, dass der namibische Autofahrer der größte Raser wäre; da ist man von deutschen Strassen ganz Anderes gewohnt. Nein, die Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h wird gerne mal um nur 10-20 km/h überschritten. So richtige Tiefflieger haben wir in der ganzen Zeit nicht gesehen. Gewöhnungsbedürftig ist nur, dass vor dem Überholvorgang sehr dicht aufgefahren wird.

Ab Karibib wurde die Landschaft merklich wüstenartiger. Wo anfangs noch Büsche und vereinzelt kleine Bäume standen, wurden die mit jedem Kilometer immer seltener, bis wir dann rechts und links nur noch Wüste sahen. Und Überlandleitungen, die quer durch die Wüste führen und später eine Pipeline die - soweit ich mich erinnere - zur Langer Heinrich Uranium Mine führte. Wie ich tags darauf erfuhr, wird Salzwasser aus dem Atlantik über Kilometer dorthin gepumpt, weil man es für den Abbau benötigt.
Als wir uns Swakopmund näherten - die Wüste geht nahtlos in den Strand über - stellten wir fest, dass es in der ganzen Stadt fast nur Strassen mit deutschen Namen gab. Anders als bislang sahen wir auch ummauerte Viertel.

Wir hatten eine sehr schöne Pension gebucht, eine alte Stadtvilla namens Villa Margherita, die von drei sehr netten Damen betrieben wurde. Unser kleines Zimmer lag unterm Dach. Im Innenhof nahmen wir zunächst ein kühles Bier, bevor wir uns hinunter zum Atlantik begaben. Deutsche Namen überall. Die Straßen, die Geschäfte...















...kaum Badegäste...
Am Atlantik angekommen, lag die Wassertemperatur wie erwartet bei etwa 3cm...
Unterwegs trafen wir auch noch einen Lehrer der deutschen Schule, der uns auf Deutsch ansprach (logisch).
Natürlich waren wir auch auf dem Jetty...



 ...der 1905 von den Deutschen dort gebaut worden ist. Das erwies sich seinerzeit als notwendig, denn mal abgesehen von der etwa 30 km südlich gelegenen Walfischbucht (heute: Walvis Bay) gab es in Deutsch-Südwest keinen vernünftigen Hafen. Und letzteres war  nun einmal eine britische Enklave...






Die Einheimischen angeln hier wie wild



Nur so konnten damals überhaupt Güter in nennenswerten Maße umgeschlagen werden.

Nun war es schon später Nachmittag und so zog
- welch Überraschung - Nebel auf.
Ohnehin war es schon merklich kühler als an anderen Orten in Namibia und plötzlich wirkte Swakopmund mit der Promenade mit den bepflanzten Blumenbeeten und den...




Büsumer Leuchtturm...mit Palmen
 ...deutschen Häusern eher wie die Nordseeküste.
Wenn man mal von den Palmen absieht.










Diese Kameraden aus der Perlhuhnfamilie findet man praktisch überall in Namibia.

Na gut, in der richtigen Wüste vielleicht nicht, aber Gerüchte halten sich...
In Swakopmund flitzen sie sogar in der Stadt herum.


Noch überlegten wir, ob wir abends das Restaurant auf dem Jetty besuchen sollten, doch aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und dem ganzen Drumherum, beschlossen wir, in der Pension zu Abend zu essen. Und diese Wahl war gut.
Es gab ein köstliches Oryxcarpaccio und zum - wirklich guten - Steak einen Kartoffelsalat.
Aber nicht irgendeinen, sondern den von meiner Oma ! Da fliege ich 8000 km, um den Kartoffelsalat meiner Oma zu essen. Verrückt.
Das Rezept stammt übrigens von der Großmutter der Besitzerin, die ursprünglich aus der Schweiz eingewandert war.

Für den nächsten Tag planten wir eine Halbtagestour. Undzwar wollten wir ins sogenannte Moon Valley, was einigermaßen verheissungsvoll klang. Ich sag mal so: Die Tour war großartig ! Doch dazu später mehr, denn es wird Zeit sich einem anderen Thema zuzuwenden. Ein Thema, welches man auch locker links liegen lassen und die Reise trotzdem  geniessen könnte.
Aber Herr Wuttke ist nunmal nicht so...

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Exkurs: Deutschland - Deutsch - Deutsch Südwestafrika - Namibia. Wie Deutsch ist Namibia ?


Der Blick auf die Landkarte verrät: Deutsche Namen überall. Orte mit Namen wie Kalkfeld, Mariental, Maltahöhe, Seeheim, Grünau usw. usf. verraten, dass dereinst schon Opa Fritze hier zugange gewesen sein muß. Die Namen der Farmen künden von der Herkunft ihrer Besitzer. Und natürlich der in jeder Stadt existierende Super Spar.
Schlesien ! Aber sicher doch...
Kaum ein San, Himba oder Herero wäre wohl je auf die Idee gekommen, freiwillig auf fremden Wortschatz zurückzugreifen, um vertraute Orte zu benennen.
Ich will hier nicht in Kurzform die Kolonialgeschichte Deutsch-Südwestafrikas zusammenfassen; das kann man anderswo nachlesen. Aber es sollte nicht verschwiegen werden, was das deutsche Kaiserreich in nur 30 Jahren Kolonialgeschichte hier angerichtet hat. In Deutschland heute völlig vergessen, fand hier vor 110 Jahren der erste bewußt gewollte und gezielt durchgeführte Völkermord eines deutschen Staates statt, dem fast 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Also ein großer Teil der damals in Deutsch-Südwest lebenden Menschen.

Berliner, wat ... ?

Warum ist das heute hier in Deutschland vergessen ? Weil die unglaublichen Opfer des folgenden Weltkrieges und die unsagbaren deutschen Verbrechen im nächsten, noch größeren Krieg all diese Erinnerungen überlagern ? Auslöschen wäre vielleicht der bessere Ausdruck. In Namibia nicht. Es gibt in Swakopmund keine Strasse mehr, die nach dem letzten deutschen unseligen Kaiser benannt ist.
Aber es gibt Memorials und Gedenkorte für die Angehörigen und Kämpfer der verschiedenen namibischen Völker. Auch in Swakopmund. Gegenüber des Cafe Anton. Wo man deutsche Kuchen und Torten bekommt und Kaffee wie hierzulande...
...am Strassenrand...
Noch immer leben in Namibia Menschen deutscher Herkunft; es sind überwiegend Farmer bzw. die Besitzer jener Reservate und Lodges, in denen wir Urlaub gemacht haben. Sie sprechen noch immer Deutsch. Sie sind Namibier. So wie die Angehörigen der Himba, San, Herero, Baster, Nama und und und...welche jedoch mit der Übergabe Deutsch-Südwests als Treuhandgebiet an Südafrika vom Regen in  die Traufe kamen. Erst 1990 erhielt Namibia offiziell seine Unabhängigkeit, doch 75 Jahre Apartheid wirken noch immer nach. Erst heute wächst eine Generation heran, die Zugang zu Bildung und - zumindest offiziell - gleiche Chancen hat. Den San zum Beispiel wird das wohl nicht mehr helfen. Ihre traditionelle Lebensweise dürfte endgültig der Vergangenheit angehören und wird wohl nur noch für touristische Zwecke aufbereitet werden. 75 Jahre Rechtlosigkeit wirken noch immer nach und noch immer sind - trotz eines insgesamt gescheiterten Versuchs von staatlicher Seite zur Landumverteilung - ein Großteil der Namibier sehr arm und über 2/3 der nutzbaren Landfläche in der Hand von weißen Namibiern. Aber Namibia hat sich - ähnlich wie Südafrika nach Beendigung der Apartheid - für einen Weg entschieden, der auf Ausgleich setzt. Kein weiteres Simbabwe.

...


Weiße trifft man in Namibia vergleichsweise selten an. Das nimmt auch nicht Wunder, stellen sie doch nur ca. 5% der Gesamtbevölkerung Namibias. Wenn, dann sind sie in den Lodges (die auf unserer Reise übrigens überwiegend Deutschstämmigen gehörten) die Eigentümer.







Wahrscheinlich wird es noch eine weitere Generation dauern, bis in Namibia die Folgen seiner Geschichte überwindet. Einstweilen besitzt es jedoch die Größe ebendiese zu bewahren.
Da gehen andere Länder andere Wege...

Und falls die Frage auftauchen  sollte: Nein, Deutsch wird in Namibia nicht gesprochen. Jedenfalls ist es uns außerhalb der Lodges - und dort nur mit den deutschstämmigen Eigentümern - nicht untergekommen. Mit drei Ausnahmen. Der oben erwähnte Lehrer der deutschen Schule und ein Guide in der Ongava Lodge, dessen Mutter einen Deutschen geheiratet hatte. Und dann trafen wir auch noch den Besitzer eines eher schmuddeligen Imbisses in einer kleinen Stadt, irgendwo unterwegs. Er sah aus...naja, reden wir nicht drüber...und als er feststellte, dass wir aus Deutschland kommen, empfahl er uns - sichtlich verunsichert - anderswo einen Kaffee zu trinken. Seine Frau wäre angeblich gerade fort und seine beiden "Mädchen" könnten das nicht so und überhaupt...

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So jetzt habe ich mich ordentlich verplauscht und darum gibt es den zweiten Teil über unseren Aufenthalt in Swakopmund in  Teil 8.

Bis dann !

Demnächst:

- Auf Mad Max Spuren (diesmal wirklich)
- Im Museum
- durch die Namib


Upadte vom 01.09.2016:

Okay, hier noch einmal eine Ergänzung, weil ich gemerkt habe, dass die eine oder Darstellung Mißverständnisse hervorrufen könnte:

1. In Swakopmund kommt man mit Deutsch sehr wohl weiter. In den Geschäften, Cafés oder auf der Strasse. Hier leben auch sehr viele deutschsprachige Namibier.

2. Nein, es sind nicht alle schwarzen Namibier arm. In Windhoek lebt eine sehr moderne Gesellschaft, die sich auf den ersten Blick genauso zusammensetzt, wie in vielen anderen großen Städten (für einen zweiten Blick waren wir leider nicht lang genug dort). Junge nach der Moden letzter Schrei gekleidete Jugendliche, Businessmen und -women, Leute, wie Du und ich. Auch Mensche, die es nicht so dicke hatten und die Strassen gefegt haebn, Parkplatzwächter...eben genau wie hier. Wir haben dort auch fast ausschließlich schwarze Namibier gesehen.

3. Nein, uns ist nirgendwo Hass oder Ablehnung entgegen gebracht worden, wir wurden nirgendwo dumm angequatscht, weil wir erkennbar Deutsche sind. In den Lodges und Reserves war es im Gegenteil ganz anders. Was aber auch daran liegen könnte, dass wir den Leuten höflich und respektvoll gegenübergetreten sind und nicht vergessen: Namibia kennt keinen Massentourismus.

4. Und das muß auch noch erwähnt werden: Die Formulierung "Völkermord eines deutschen Staates..." ist inhaltlich richtig, aber mißverständlich. Die Vorgehensweise vor 110 Jahren rief auch in Deutschland erhebliche Empörung hervor; mit den Mitteln der Zeit konnte Schlimmeres leider nicht verhindern werden. Einen Beschluß des Reichstages oder einen direkten befehl, hat es, meines Wissens, nie gegeben. Und - wer es nicht weiß - die Familie von Trothar - Lothar von Trotha  war jener Befehlshaber, auf dessen Mist ein Großteil der Vorgehensweise gegen die Einheimischen gewachsen ist - hat sich für die unter ihrem Namen begangenen Verbrechen bereits entschuldigt. Wieviele andere Nachkommen von Verbrechern und Institutionen und Firmen in Deutschland haben sich vergleichbar einsichtig gezeigt ?

1 Kommentar:

  1. Sehr schöner Bericht wieder! Auch der Teil über die Verbrechen der Besatzungs- / Kolonialzeit und den Umgang Namibias mit selbiger stimmt nachdenklich.

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